© Tribut Verlag 2005-2011 Inhalt Auszug Erfahrungen eines Hypochonders Auszug

Wir sitzen im Halbkreis, der Arzt uns gegenüber. Es ist Anfang Mai und die warme Luft, die durch halbgeöffnete Fenster einströmt, erweckt Hoffnung auf einen angenehmen Frühling.

Unsere Hoffnung und Konzentration gilt der Diagnose, die der Neurologe aufgrund der Krankheitssymptome meiner Mutter machen wird. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt von Pontius zu Pilatus gelaufen bzw. von uns, ihrer Familie, geschickt worden. Zahnarzt, Hausarzt und Nervenärztin waren ihre Stationen. Niemand hatte eine Erklärung für ihre Schluck- und Sprachbeschwerden. Der Zahnarzt sah sich außerstande, weitere Anpassungen des künstlichen Gebisses vorzunehmen; der Hausarzt tippte auf einen leichten Schlaganfall und verabreichte - Wochen später - Infusionen. Die Nervenärztin, die es am besten hätte wissen müssen, glänzte mit den Worten: „Es ist alles in Ordnung.“

Nichts war in Ordnung. Sprechen und Schlucken fielen meiner Mutter immer schwerer. Die Auswahl an Ärzten in einer mittelgroßen Stadt ist begrenzt. Ein Blick ins Telefonverzeichnis der nächstgrößeren Universitätsstadt ermöglichte den Kontakt zum Spezialisten.

Hier sitzen wir nun, meine Mutter, 74 Jahre alt, meine Frau und ich, und warten gemeinsam auf den ärztlichen Befund. Mehrere Tage lang wurde meine Mutter einer Reihe neurologischer Tests unterzogen. Es ist für mich auch jetzt noch, zehn Jahre später, beeindruckend, mit welcher Einfühlsamkeit der Chefarzt der Neurologie ihr, ohne dass wir uns dessen auch nur im Entferntesten bewusst sind, das Todesurteil mitteilt. Seine Worte sind bedächtig gewählt, leise gesprochen, Hoffnung erweckend und ernüchternd für den, der sie zu deuten weiß.

„Wir vermuten bei Ihrer Mutter ALS.“ Drei Buchstaben, die sich seitdem in meinem Gehirn eingebrannt zu haben scheinen. Sie stehen für „Amyotrophe Lateralsklerose“.

„Es gibt seit kurzem ein Medikament hierfür, das eine gewisse Wirkung zeigt. Ihre Mutter kann, wenn sie möchte, an der Studie, die bald vorüber sein wird, noch teilnehmen.“ Natürlich wollen wir.

Noch in der Klinik eile ich zum Telefon und berichte meinem schwerkranken Vater: „Sie haben die Krankheit endlich entdeckt; sie hat sogar einen Namen.“ Widerworte meines Vaters lasse ich nicht gelten. „Ich jedenfalls bin froh, dass wir wissen, woran wir sind. Hier in der Uniklinik ist sie gut aufgehoben; vor allem: Es gibt ein Medikament.“ Meinen Bruder, der in einer entfernten Stadt wohnt, informiere ich ebenfalls........